Wir sehen ein ungewöhnliches Verhalten bei anderen Menschen, und fast sofort erklären wir es uns – meistens im Stillen, oftmals falsch.
Aber wie spricht man jemanden auf sein Verhalten an, ohne dabei in Urteile wie “unhöflich”, “nicht adäquat” oder “Was ist denn das für’n Unsinn” zu verfallen? Und wie verhindert man, dass man anderen Menschen Motive und Absichten zuschreibt, die sie so nicht hatten?
Zuerst: das Grundprinzip
Als Ausgangspunkt dient das Grundprinzip konstruktiver Kommunikation, welches ausführlich beschrieben ist im Artikel Durch konstruktiven Dialog leicht Beziehungen aufbauen.
Danach akzeptiert man das Verhalten eines anderen Menschen, ohne es zu bewerten – besonders dann, wenn es sich vom eigenen Verhalten unterscheidet bzw. von den eigenen Erwartungen an einen anderen Menschen.
Akzeptieren heißt dabei nicht, sofort mit allem einverstanden zu sein. Es bedeutet lediglich, eine einfache Tatsache anzuerkennen: dass jeder Mensch sich anders verhalten kann, als man selbst.
Auf dieser Grundlage fällt es leichter, den nächsten Schritt zu gehen – das Verhalten des anderen zu verstehen: seine Gründe und seine Botschaft.
Der SVWA-Algorithmus
Als nächstes empfehle ich den SVWA-Algorithmus: Situation – Verhalten – Wirkung – Absicht.
Er hilft, einem Menschen eine Rückmeldung darüber zu geben, wie sein Verhalten auf uns wirkt. Und außerdem zu verstehen, warum und wozu er sich in einer bestimmten Situation so und nicht anders verhalten hat. Beides ohne überflüssige Bewertungen und Vermutungen, die selten ins Schwarze treffen.
Der Kern des Algorithmus: Sie sprechen mit ihrem Gegenüber auf Basis von Fakten, eigenen Beobachtungen und Empfindungen.
S — Situation
Beginnen Sie damit, die Situation zu beschreiben, in der Sie das Verhalten beobachtet haben, über das Sie sprechen möchten. Zum Beispiel:
1: “In unserem gestrigen Teammeeting…”
2: “Als wir gestern im Kino waren…”
3: “In der Morgenbesprechung, als der Kollege aus der anderen Abteilung erklärte, warum er das Versprochene nicht geliefert hat…”
V — Verhalten
Beschreiben Sie das konkrete, beobachtbare Verhalten des Menschen in dieser Situation. Keine Interpretationen, keine Bewertungen – nur das, was Sie mit eigenen Augen gesehen haben. Zum Beispiel:
1: “Du warst erst 10 Minuten nach Meetingbeginn da.”
2: “Du hast während des Films mehrmals Dein Handy eingeschaltet und Nachrichten gelesen.”
3: “Du bist aufgestanden und durch den Raum gelaufen, hast mit den Armen gestikuliert und hast dann mit der Faust auf den Tisch geschlagen.”
W — Wirkung
Teilen Sie mit, welche Wirkung dieses Verhalten auf Sie hatte bzw. auf die Situation und die allgemeine Stimmung. Zum Beispiel:
1: “Ich hatte den Eindruck, dass Dir das Thema des Meetings nicht besonders wichtig ist.”
2: “Dein Display hat mich geblendet, und die Benachrichtigungstöne haben vom Film abgelenkt.”
3: “Mir schien, dass Deine Emotionen die Oberhand gewonnen hatten und Du Dampf ablassen musstest. Das hat bei mir ein unangenehmes Gefühl bewirkt.”
A — Absicht
Fragen Sie Ihr Gegenüber, ob all das in seiner Absicht lag. Zum Beispiel:
1: “Bist Du absichtlich später zum Meeting gekommen?”
2: “Ist Dir aufgefallen, dass mich Dein Display und die Benachrichtigungen gestört haben?”
3: “Wolltest Du Unbehagen auslösen – vielleicht beim Kollegen aus der anderen Abteilung?”
Welche Antworten sind wahrscheinlich, und wie man darauf reagiert
Auf die Frage nach ihrer Absicht antworten die Leute in der Regel auf eine von 3 Arten.
Zustimmung: “Ja, genau so.” Dann können Sie antworten: “Aha, dann ist Dir das gelungen.”
Verneinung: “Nein, da hast Du mich falsch verstanden!” Dann: “Genau das wollte ich verstehen, darum hab ich Dir diese Rückmeldung gegeben. Jetzt weißt Du, wie Dein Verhalten gewirkt hat, zumindest auf mich – auch wenn es nicht in Deiner Absicht lag. Du kannst das in Zukunft berücksichtigen oder auch nicht.”
Überraschung, dass das eigene Verhalten eine solche Wirkung hatte, da diese nicht beabsichtigt war bzw. eine andere Reaktion erwartet wurde. In diesem Fall können Sie vorschlagen, wie der Mensch Ihrer Meinung nach hätte anders handeln können – zum Beispiel: was er anstatt des Faustschlags auf den Tisch hätte tun können.
Zwei Voraussetzungen, damit der SVWA-Algorithmus funktioniert
Der SVWA-Algorithmus entfaltet seine Wirkung nicht von allein, sondern unter mindestens 2 Bedingungen.
Erstens: Sie haben ihn wirklich drauf, das heißt, nicht nur gelesen, sondern in der Praxis erlernt.
Zweitens: Ihr Gegenüber ist bereit und in der Lage, Feedback in dieser Form anzunehmen.
Noch ein Hinweis: Der erste Versuch läuft selten perfekt. Selbst wenn die ersten 10 Versuche nicht so gelingen, wie Sie es sich erhofft haben – kein Grund zur Entmutigung. Machen Sie weiter und probieren Sie es erneut… und dann noch einige Male! Übung macht den Meister.
Fazit
Der SVWA-Algorithmus ist keine Technik für “schwierige Gespräche”. Es steht dafür, mit Menschen ehrlich und ohne unnötige Anspannung zu sprechen – auf Basis von Fakten, nicht von Vermutungen oder Unterstellungen.
Je häufiger Sie diesen Algorithmus anwenden, desto selbstverständlicher wird er für Sie und Ihre Gesprächspartner. Und desto seltener entstehen in Ihrer Kommunikation Missverständnisse oder Verletzungen.
Weitere Informationen darüber, wie man Feedback von anderen einholt, finden Sie im Artikel Feedback: Warum ist es wichtig, es zu geben und zu erfragen?